
Ob Messerstecher in der Fußgängerzone, Randale im Schwimmbad oder Gewalt in Nahost: Islamverbändeverbände stehen regelmäßig in der Kritik, sich nicht ausreichend zu distanzieren. Mit der Realität muslimischer Interessenvertretung hat das wenig zu tun. Umso mehr mit antimuslimischen Rassismus.
Alle paar Wochen lässt sich in deutschen Social-Media-Accounts, Politiker-Reden und Zeitungsschlagzeilen dasselbe Schauspiel miterleben: Ein oder mehrere Islamverbände – so heißt im anklagenden Ton – hätten sich nicht distanziert. Wovon genau nicht distanziert? Das ist eigentlich egal.
Messerstecherei in der Fußgängerzone, Schulhofgewalt in Düsseldorf, Kalifats-Demo in Hamburg, Entführung in Nigeria, antiisraelische Proteste in Berlin, Gewalt in Nahost oder Randale im Duisburger Freibad, Terror-Drohung gegen Taylor Swift – kein Schauplatz ist zu entfernt, kein gesellschaftliches Problem zu komplex, als dass man es nicht einem muslimischen Verbandsvertreter in die Schuhe schieben könnte.
Was genau nun zum Beispiel der Interessenvertreter türkeistämmiger Moscheegänger aus Köln-Mülheim mit dem Taliban-Anschlag im 5000 Kilometer entfernten Kundus zu tun hat, erfährt man meist nicht. Dafür aber, was mit ihm und seiner Organisation passieren soll: Einstellung aller staatlichen Kooperationen, Entzug von Geldern, öffentliche Ächtung, Verbot.
Antimuslimischer Rassismus heißt jetzt Islamverbandskritik
Die neue Inflation der Islamverbandskritiker ist Ausdruck eines schon einige Jahre andauernden Wandels in der Szene antimuslimischer Stimmungsmacher. Trugen „Islamkritiker“ früherer Tage wie Sarrazin, Kelek und Ulfkotte noch ganz offenen ihre Verachtung gegenüber Muslimen und Musliminnen zur Schau, versucht der moderne Verbandskritiker allzu pauschale Anschuldigungen zu vermeiden. Wer heute Stimmung gegen Muslime machen, ihnen ihre Grundrechte absprechen will, der spricht nur noch selten von „den Muslimen“, eher schon von „Agenten des politischen Islam“ – oder eben von den damit synonymen „Islamverbandsfunktionären“.
Kein Take ist zu abgedroschen, kein Rassismus zu plump, als dass er sich nicht noch über den Umweg des „Islamverbandkritik“ zu einem vermeintlich seriösen integrationspolitischen Beitrag umlabeln ließe. Nur die Stereotype, die bleiben dann doch dieselben – egal ob dumpfer Muslimhass oder progressive Verbandskritik: Rückständigkeit, Gewalttätigkeit, Antisemitismus, ausländische Einflussnahme, Unterwanderung.
Umkehrung der gesellschaftlichen Machtverhältnisse
Für den „Islamverbandskritiker“ selbst bringt dieses Vorgehen gleich zwei Vorteile mich sich: Er vermeidet es, sich für seine antimuslimische Stimmungsmache die berechtigte Kritik des Rassismus einzuhandeln. Mit Verschwörungstheorien über eine islamische Unterwanderung der Gesellschaft hat er zudem die Möglichkeit, sich selbst als mutigen Widerstandskämpfer gegen eine vermeintlich mächtige islamische Bedrohung zu inszenieren.
Nehmen wir beispielsweise Nancy Faeser. Wenn die Bundesinnenministerin sich in der BILD-Zeitung mittels Distanzierungsforderungen muslimische Funktionäre in die Nähe der Hamas rückt, handelt es sich da eigentlich um eine mit der ganzen Gewalt des Staats ausgestattete Vertreterin der deutschen Bundesregierung, die gepaart mit der publizistischen Macht von Europas reichweitenstärksten Boulevardzeitung auf Vertreter größtenteils ehrenamtlich organisierter und chronisch unterfinanzierter Verbände eindrischt. In der Selbstinszenierung der Verbandskritiker drehen sich die Machtverhältnisse aber völlig um: Die Stigmatisierung einer gesellschaftlich ohnehin schon marginalisierten Minderheit wird nun zum mutigen Aussprechen unbequemer Wahrheiten gegen eine vermeintlich übermächtige islamische Bedrohung.
Ein Grüner läutete die antimuslimische Zeitenwende ein
Nun ist das alles nicht neu. Auf der Idee, dumpfe antimuslimische Stimmungsmache und das Verbreiten von Verschwörungstheorien über „Islamisierung“ und „Politischen Islam“ als progressive, mutige und aufklärerische Kritik zu verkleiden, haben Generationen von „Islamkritikern“ ihre Karrieren aufgebaut. Neu ist hingegen, die breite gesellschaftliche Akzeptanz, auf die solche Pauschalisierungen stoßen.
Vor einem Jahr musste sich der AfD-Redner, der im Bundestag Muslime mit Gewalttätern und Antisemiten gleichsetzt, noch lautstarke Zwischenrufe aus den Reihen der Grünen, SPD und Linken anhören. Mittlerweile werden antimuslimische Pauschalisierungen über Parteigrenzen hinweg akzeptiert.
Die Zeitenwende der „Islamkritik“ läutete konsequenterweise ein Grüner ein: Robert Habeck. In seiner Rede über „Israel und Antisemitismus“ machte der Bundeswirtschaftsminister am 2. November letzten Jahres eigentlich nicht viel mehr als das, was in der rechten Schmuddelecke seit Jahren gang und gäbe ist: die Schuld auf Muslime zu schieben. Der Unterschied war nur: Anders als seine rechtspopulistischen Ideengeber wurde Habeck über das ganze politische Spektrum dafür gefeiert.
Muslime distanzieren sich ständig
Auch Habeck behauptete damals: Muslimische Repräsentanten hätten sich infolge antisemitischer Ausschreitungen auf propalästinensischen Demos nicht ausreichend von der Hamas distanziert. Außerdem drohte er ihnen, sie würden „ihren eigenen Anspruch auf Toleranz unterlaufen“. Sein Kabinetts- und Parteikollege Cem Özdemir schlug ein paar Tage später in die gleiche Kerbe. Auch er behauptete, die islamischen Religionsgemeinschaften hätten nicht die Gewalt der Hamas verurteilt und attestierte ihnen einen „höchst problematischen Umgang mit Antisemitismus.“
Damit bedienten sich Habeck und Özdemir eines weiteren typischen Merkmals der Legende vom schweigenden Islamverband: Sie ist genau das – eine Legende. Zum Zeitpunkt von Habecks Rede hatten bereits alle relevanten islamischen Vertretungen von sich aus die gewünschte Distanzierung erbracht: die großen wie DITIB, Islamrat und Zentralrat der Muslime genauso wie die kleineren, die Union der Islamisch-Albanischer Zentren oder der Zentralrat der Marokkaner in Deutschland.
Ein Blick auf die Twitter-Accounts und Homepages der Organisationen zeigt: Getrieben vom gesellschaftlichen Generalverdacht sind muslimische Repräsentanten mittlerweile zu wahren Distanzierungsexperten geworden. Das hindert die wachsende Szene von Verbandskritikern freilich nicht daran, den Mythos vom wortlosen muslimischen Verbandsfunktionär weiterzuverbreiten.

„Das gefährliche Schweigen der Islamverbände“, titelte Der Spiegel beispielsweise Anfang Juni, nach dem Mord an einem Polizisten in Mannheim. Im Text hieß es: „Von den Islamverbänden und Moscheevereinen in Deutschland hört man seither mehrheitlich: nichts“. Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung des Textes hatten allerdings bereits zahlreiche islamische Institutionen die Tat verurteilt: ZMD, IGMG und VIKZ ebenso wie die Mannheimer Sultan-Selim-Moschee. Genützt hat ihre schnelle und eindeutige Reaktion nichts. Die Spiegel-Redaktion nutzte trotzdem ein Bild der Moschee, um den Artikel über vermeintlich zur Gewalt schweigende Muslime zu illustrieren.
Auch wer sich distanziert, macht sich erst recht verdächtig
Bringen also Distanzierungen überhaupt etwas? Lässt sich der Kampf gegen Rassismus und Spaltung gewinnen, indem man nach den Spielregeln der Rassisten und Spalter spielt? Verfolgt man die wiederkehrenden Rituale aus Distanzierungsforderungen und Distanzierungen, fällt schnell auf: Das Distanzierungsspiel lässt sich für Muslime gar nicht gewinnen. Denn nicht nur, wer sich nicht distanziert, verliert. Auch wer sich distanziert, lädt Kritiker nur zu neuer Kritik ein – dieses Mal an der Distanzierung selbst: zu früh, zu spät, zu laut, zu leise, zu spezifisch, zu pauschal!
Außerdem: Sind das nicht bloße Lippenbekenntnisse, um die Öffentlichkeit ruhigzustellen? Und überhaupt: Bestätigt der, der sich distanziert, nicht auch, dass vorher ein Näheverhältnis bestanden hat? Ob nun also mit oder ohne Distanzierung vom Terror: Hamas-Freund bleibt der muslimische Repräsentant in jedem Fall.
Auf Verbände zielen, Muslime treffen
Bleibt die Frage: Na und? Sind Weltbild und Moralvorstellungen vieler muslimischer Repräsentanten nicht wirklich etwas der Zeit gefallen? Geben DITIB, IGMG, ZMD und Co. nicht auch immer wieder Anlass für berechtigte Kritik? Ist es da wirklich so schlimm, wenn mal der ein oder andere Kritiker übers Ziel hinausschießt? Trifft es am Ende nicht doch auch die Richtigen?
Argumentation wie diese dürften einer der Gründe sein, warum sich „Islamverbandskritik“ auch unter Linken zunehmender Beliebtheit erfreut. Wen diese Logik anspricht, kann einfach mal überlegen, warum er es (hoffentlich) ablehnt, jüdische Gemeinden in Deutschland für die Gewalt der israelischen Armee verantwortlich zu machen.
Aber wichtiger noch: Islamverbandskritik trifft eben nicht nur eine Handvoll antiquierter Verbandsfunktionäre. Sie trifft Muslime und Musliminnen – egal ob sie in eine DITIB-, IGMG, ZMD- oder gar keine Moschee gehen. Untersuchungen zeigen: Angriffe auf Muslime und ihren Einrichtungen nehmen immer dann stark zu, wenn ihre Interessenvertretungen mal wieder in den Schlagzeilen stehen.
Hinzu kommt: Gleichberechtigung und Teilhabe von Muslimen in Deutschland sind ohne die viel gescholtenen islamischen Religionsgemeinschaften nicht möglich. Auch wenn öffentliche Debatten einen anderen Eindruck vermitteln: Der Job muslimischer Repräsentanten in Deutschland erschöpft sich nicht darin, das Weltgeschehen zu kommentieren.
Gemeindeleben, Seelsorge, Islamunterricht, Extremismusprävention, interreligiöser Dialog, Jugendarbeit, Kampf gegen Rassismus und Diskriminierung… Viele muslimische Repräsentanten und die unzähligen Freiwilligen in ihren Gemeinden engagieren sich tagtäglich für gesellschaftliche Teilhabe und Miteinander. Dabei reparieren sie auch jene Schäden, die „Islam(verbands)kritiker“ mit ihren ausgrenzenden Debatten jeden Tag anrichten. Von Politik und Öffentlichkeit ernten sie für diese Arbeit meist nur eines: Schweigen.
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1 Kommentare On Warum schweigen die Islamverbände zu [hier beliebiges Ereignis einfügen]?
Naja ein Problem dürfte auch sein, das dank der Islamverbände bzw. den organisierten Islamgesprächen und selbsternannten Islamexperten (wie die eine bekannte Dame von irgend ein Islaminstitut welche anhand von Facebook Seiten die Ideologie von „radikale Salafisten/Wahabiten“ zu erkennen vermag und ständig in irgendwelchen Politiktalks ihre Expertise zum besten gibt) wohl das Bild vermitteln, dass es was mit dem Islam zu tun hat, wenn „Ideologische Fundamentalisten“ den Islam bzw. die heilige Schrift als Machtinstrument annektieren und missbrauchen. Dabei sagt Mohammed selber in seiner Abschiedspredigt:
„O ihr Menschen! Hört gut auf meine Worte und denkt gut nach. Wisst, dass Muslime aller Rassen Brüder sind. Alle Gläubigen sind Brüder. Kein Besitztum eines Bruders ist halal, solange dieser es nicht genehmigt. Lasst kein Unrecht, Trug oder Verrat zu.
Soll ich euch erklären, wer ein Muslim ist? Jemand, der anderen Muslimen keinen Schaden zufügt; weder durch seine Zunge noch durch seine Hand.
Soll ich euch erklären, wer ein Gläubiger ist? Jemand, von dem man mit Bestimmtheit weiß, dass er weder dem Eigentum noch dem Leben von Menschen Schaden zufügt.
Soll ich euch erklären, wer ein Muhadschir ist? Jemand, der das Böse und die Sünde aufgegeben hat.
Soll euch sagen, wer ein Mudschahid ist? Jemand, der auf dem Weg des Gehorsams gegenüber Allah gegen sein Selbst ankämpft.
Wie die Unantastbarkeit des heutigen Tages ist es für einen Gläubigen haram (verboten), einen anderen Gläubigen zu schädigen. Verleumdung eines Gläubigen durch einen anderen ist auch haram. Es ist auch haram, wenn er seine Ehre und Würde beschädigt. Einen Gläubigen ins Gesicht zu schlagen ist für einen Gläubigen auch haram. Falls er ihn grob behandelt und verletzt, ist dies auch haram.
und:
Hört gut zu! Während ich für ein Teil der Menschheit nichts werde machen können, werde ich andere wiederum retten. Ich werde „O Allah, meine Gefährten” sagen. „Du hast keine Ahnung, was sie im Namen der Religion alles erfunden haben” wird er antworten. Ich bin euer Vorläufer, der an den Paradiesbrunnen auf euch warten wird.“
Wo passt das bitte zu den Taten von „militanten Neo-Fundamentalen“ aka islamistischen Terroristen? Also was erwartet man diesbezüglich von frommen Muslimen? Das sich diese solche Taten im Sinne ihrer Religion bzw. Glauben annehmen, sich darauf selbst Erhöhen und die Täter als schlechte Menschen verurteilen? Das wäre ebenfalls wohl eher nicht Islamkonform. Und bitte, wenn ein Aiman A. Mazyek und Udo Ulfkotte zusammen in einem Politiktalk sitzen und sich bezüglich des angeblichen Extremismus eines Pierre Vogel (welcher für was bitte verurteilt wurde bzw. was die mehreren auf blanken Vermutungen basierenden Razzien/Hausdurchsuchungen dazu gebracht haben… rein garnichts) schön einig sind, sollte man sich schon Fragen stellen ob der ZMD eine tatsächlich richtige Vertretung bzw. Verband für irgendwelche Muslime darstellt.
Tja und wo keine sachlich richtige Aufklärung bzw. Wissensvermittlung stattfindet, ist es nicht weit zur irrationalen Mythenbildung!
lg